Klassische Reitkunst

 

Etwas über die klassische Reitkunst zu schreiben ist gar nicht so einfach. Vor allem wenn man sich damit noch nicht sein ganzes Leben beschäftigt.
 
Nachdem ich begann, Aisso auszubilden, konnte ich mich nicht so recht damit anfreunden, ihn nach Schema F einzureiten. Irgendwie suchte ich etwas anderes. So las ich viel in der Literatur zum Thema Bodenarbeit, Arbeit an der Hand und wurde dort auch recht schnell fündig. Reiten mit Leichtigkeit, ja, das sollte es sein. Ich bewunderte schon jeher die Klassiker, die scheinbar nur auf dem Pferd denken müssen um eine Piaffe zu reiten und nicht nach dem Motto "Vorne ziehen, hinten draufhauen und schon erreicht man die Versammlung". Also, viele Bücher gelesen und das beste für mich rausgesucht.
 
Reitkunst, auch klassische Reitkunst, ist ein Reitsystem für Pferde, das über längere Zeiträume bewährte Prinzipien der Pferdeausbildung zu einem Kanon zusammenfasst und in seiner verfeinertsten Ausprägung einen künstlerischen bzw. kunsthandwerklichen Anspruch an den Ausdruck des Pferdes hat.
Inhaltsverzeichnis

 1 Grundsätze

2 Ausbildung
3 Schulen
4 Geschichte und Entwicklung
5 Siehe auch
6 Weiterführende Literatur
 
 

Grundsätze

Wichtige Grundsätze der Reitkunst sind die freiwillige Mitarbeit des Pferdes und ein Muskeltraining, das das Pferd in die Lage versetzt, das Gewicht des Reiters in allen Lektionen ohne Schaden an Leib und Seele ein Leben lang ausüben zu können. Hierzu wird der Schwung des Pferdes - seine muskuläre Fähigkeit zur Bewegung - gefördert und die Gewichtsverteilung durch Absenkung der Kruppe und Aufrichtung des Halses mehr auf die Hinterbeine verlegt. Die Reiter werden angehalten, stets über ihren Umgang mit dem Pferd nachzudenken und an sich selbst zu arbeiten; Fehler werden erst beim Reiter und nicht beim Pferd gesucht.
Im Unterschied zur Gebrauchs-Militärreiterei und der aus ihr abgeleiteten Turnierreiterei nach FN  wird großer Wert auf feine Einwirkung, eine weichstmögliche, stets zum Nachgeben bereite Hand ("Pfötchen, nicht Pfote" nach Egon von Neindorff  und unsichtbare Hilfengebung aus dem korrekten Sitz heraus gelegt.
 

Ausbildung

Die Ausbildung eines Pferdes nach den Prinzipien der klassischen Reitkunst kann grob in drei Phasen eingeteilt werden:
 Remontenschulung
Campagneschule
Hohe Schule
Die Ausbildungsskala gibt eine Reihe von wichtigen, bei der Ausbildung des Pferdes zu beachteten Prinzipien vor.
Die bekanntesten Stätten der klassischen Reitkunst sind
* die Spanische Hofreitschule in Wien, Österreich http://www.spanische-reitschule.com/
* die Königlich-Andalusische Reitschule in Jerez, Spanien http://www.realescuela.org/
* das Reitinstitut Egon von Neindorff in Karlsruhe, Deutschland http://www.reitkunst.com
* die Ecole Nationale d'Equitation in Terrefort bei Saumur, Frankreich, mit dem Cadre Noir
* die Escola Portuguesa de Arte Equestre in Queluz, Portugal http://www.cavalonet.com/epae

 

Schulen

Die Reitkunst entwickelt aus den natürlichen Gangarten des Pferdes (Schritt, Trab, Galopp, Karriere (Renngalopp) und Sprung, zu welchen die Lancade gehört) die geregelten Reitgänge, die so genannten Schulen auf der Erde: Passagieren , Piaffieren oder stolzer Tritt, Redopp, und Schulen über der Erde: Levade, Pesade, Terre à Terre, Mezair, Courbette, Croupade, Ballotade, Kapriole.
Alle diese Bewegungen sind vorwärts gerichtet, während die Seitengänge das Pferd zu kurzen Wendungen befähigen, bei welchen es sich mit Vorder- und Hinterbeinen auf nebeneinander liegenden Linien, dem so genannten doppelten Hufschlag, bewegt und die Füße der einen Seite über die der anderen hinwegschreiten. Hierher gehören die Schulen: Schulterherein, Travers, Renvers und Kontra-Schulterherein, die nur in der Bahn geritten werden, die Pirouette, das Passadieren, Quadrille und Karussell.
 
 

Geschichte und Entwicklung

Im Mittelalter gelangte die Reitkunst zu hoher Ausbildung durch das Rittertum und die Turniere, mit deren Verfall sie aufhörte, Allgemeingut der adligen Stände zu sein. Sie wurde danach noch an den Höfen gepflegt. Der Stallmeister gehörte zu den höchsten Hofbeamten, und die Ausbildung in der Reitbahn war Haupterfordernis für die höfische Erziehung.
Die Begründung der modernen Reitkunst ist in Italien, speziell in Neapel, zu suchen, wo Federico Griso (um 1552) eine Reitakademie errichtete, die vom Adel fast ganz Europas besucht wurde.
Sein Schüler Pignatellis erfand die Kandare, und zwei von dessen Schülern, Antoine de Pluvinel, der Erfinder der Pilaren und des ersten geordneten Dressursystems, und Salomon de la Broue, begründeten die neue Reitkunst in Frankreich, während ein dritter, der Chevalier Saint-Antoine, unter Jakob I. der erste Stallmeister in England wurde.
Zu einer ersten Blüte gelangte die Reitkunst um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Reitschule in Versailles. De la Guériniere, Stallmeister Ludwigs XV., gab der Reitkunst in seiner "École de cavalerie" (1733) eine wissenschaftliche Grundlage, auf welcher sie sich auch in Deutschland weiter entwickelte.
Hier standen im 18. Jahrhundert die Reitschulen zu Koburg und Wien in hohem Ansehen. Ayrer begründete den Ruf der Göttinger Schule, der sich unter dem jüngern Ayrer bis ins 19. Jahrhundert erhielt.
 
 Weiterführende Literatur
Alois Podhajsky: "Die klassische Reitkunst", ISBN 3-440-07527-3
Gustav Steinbrecht: "Das Gymnasium des Pferdes", ISBN 3-87248-038-3
Waldemar Seunig: "Von der Koppel bis zur Kapriole", ISBN 3-487-08348-5
Peter Spohr: "Die Logik in der Reitkunst", ISBN 3-487-08187-3
Michaela Otte, Selm-Bork: "Geschichte des Reitens", ISBN 3-88542-255-7
Richard Wätjen: "Dressurreiten", ISBN 3-275-01150-2
François Robichon de la Guérinière: "Reitkunst", übersetzt von J.D.Knoell, ISBN 3-487-08288-8
Nuno Oliveira: "Gedanken über die Reitkunst", ISBN 3-487-08383-3
Ludwig Koch: "Die Reitkunst im Bilde", ISBN 3-487-08125-3